Unter dem Drachenbaum, Legenden von den Kanarischen Inseln

Unter dem Drachenbaum ist eine Sammlung von Sagen und Legenden, die Horst Uden (geb. 1898 in Brieg/Schlesien, gest. 1973 in Málaga/Spanien) in den 1930-er Jahren auf sämtlichen Kanaren-Inseln aufgezeichnet hat. Uden schildert Märchen und Mythen, Piratenabenteuer, Liebesgeschichten, Volksweisheiten und Anekdoten.

Viele Deutsche auf den Kanaren kennen den historischen Roman Der König von Taoro von Horst Uden, der sich laut Angaben des Verlags vom Bestseller zum Longseller entwickelt hat. “Unsere treuen Leser werden sich für den neuen Uden-Titel Unter dem Drachenbaum ebenso begeistern wie für seinen Roman”, glaubt Verlegerin Verena Zech.

“Das muss man sich bildlich vorstellen”, rekonstruiert Verena Zech die Lebens- und Schaffensgeschichte ihres Autors, “der Weltreisende Horst Uden besuchte in den 30-er Jahren die Kanaren zu Fuß oder per Esel. Er engagierte Reiseführer, die ihn und seine Frau Charlotte über die Insel führten und die ihnen Geschichten aus Erster Hand erzählten, zumal Uden, schon damals ansässig in Málaga, perfekt Spanisch sprach. Uden war ein genialer Beobachter und Erzähler. Das Schöne ist, dass er seine Quellen nicht nur offen legt, sondern in den Erzählprozess unmittelbar einbezieht. Damit gewinnt er an Authentizität und an Glaubwürdigkeit.”

Als Beispiel soll folgender Auszug dienen: eine Szene auf Fuerteventura, in der Horst und Charlotte einen Esel mieten wollen, sie aber von einem konkurrierenden Kamel-Anbieter beschwatzt werden, der am Ende das Geschäft macht:

>>(Auszug aus dem Buch, S. 159ff)

KRAWALL IN LA ANTIGUA

Ein Segler hatte uns nach Puerto de Cabras gebracht. Da standen wir nun am morgendlichen Hafen, meine Frau und ich, und überlegten, wie wir am besten nach La Antigua kämen, das auf langgestreckter Hochebene inmitten der Insel Fuerteventura liegt.

»Natürlich reiten«, meinte Lotte, »ein paar Maultiere werden wir bald auftreiben.«

Da kam auch schon ein Mann auf einem kleinen, silbergrauen Eselchen herangesprengt. Kurz vor uns ließ er sich herabgleiten, zog grüßend den breitrandigen Sombrero und bot seine Dienste an.

Während Lotte den Esel kraulte, und ich mich mit seinem Besitzer über den Weg, die Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt den Preis unterhielt, bog um die Ecke ein braungebrannter Majorate, wie man die Bewohner dieses Teils der Insel nennt. Hinter sich her zog er an verrosteter Kette ein hochbeiniges Kamel, das ihm willig folgte.

Neben dem Eseltreiber hielt er an und hörte eine Weile schweigend unserem Gespräch zu. Dann schüttelte er mißbilligend den Kopf über den Unverstand des »Misters«, der drauf und dran war, einen Esel zu mieten.

»Euer Gnaden scheint noch nicht lange in diesem Lande zu sein«, meinte er mit leichtem Bedauern in der Stimme, »und daher den Unterschied zwischen einem Esel und einem Kamel nicht zu kennen. Und doch springt er sozusagen in die Augen. Ein Blick auf meine treue Mifalla genügt, um die letzten Bedenken zu verscheuchen. Es ist das beste Kamel, das es im ganzen Umkreis gibt, und das einzige, das einen englischen Reitsattel hat. Auf der linken Seite sitzt Euer Gnaden, auf der rechten die ›Señorita‹. Ich selbst schwinge mich zwischen die Höcker. Und hier, der eiserne Ring ist zum Festhalten, wenn das Tierchen aufsteht und zu schaukeln beginnt. Es läuft, ganz wie Euer Gnaden es wünscht. Ich brauche ihm nur tüchtig eins mit dem Knüppel überzuziehen, und schon fegt es dahin wie der Sturmwind, wenn der Boden trocken ist. Ist er aber naß, dann rutscht es aus und schlägt hin. Rufe ich: ›reee, reee!‹, dann geht es im Schritt. Schreie ich aber: ›tuche!‹, dann kniet es nieder und wirft sich hin. Sobald Euer Gnaden im Sattel sitzt, erhebt es sich unter freudigem Brüllen, und die Reise kann beginnen. Dabei ist es so stark wie Samson, auch wenn es kleine Mäuseohren hat.

Was ist dagegen so ein jämmerlicher Esel!« fuhr er fort und deutete mitleidig auf das Grautier. »Erstens braucht Euer Gnaden drei, zweitens schleift der Reiter seine Füße auf dem Boden und stößt sich an den spitzen Feldsteinen. Dazu kommt das ewige Schreien des Treibers, denn ohne Schreien und Schläge läuft er nicht. Auch muß man ihm dauernd mit dem spitzen Stecken in den Hintern stoßen, sonst bleibt er stehen. Vergißt Euer Gnaden aber, die Beine zu bewegen und ihn mit den Hacken am Bauch zu kitzeln, geht er keinen Schritt mehr weiter.«

Der Majorate hatte mich überzeugt. Wir mieteten das Kamel . . .

<< (Ende Textauszug)

So begleiten wir also Horst Uden auf seiner Kanaren-Reise in den 30-er Jahren, lange bevor überhaupt jemand das Phänomen „Massentourismus“ in den Mund nahm. Das Buch bietet nicht nur eine virtuelle Reise über die Inseln, sondern auch eine Zeitreise durch die Jahrzehnte, nein, Jahrhunderte.

Uden erzählt jeweils drei Geschichten von allen sieben Inseln, von Teneriffa sechs, außerdem „die Ursage“, angelehnt an die griechische Mythologie, und die Legende von der geheimnisvollen „verschwundenen“ Insel San Borondón.

Insgesamt 26 meisterhaft erzählte Geschichten, kanarische Sagen und Legenden.
Taschenbuch mit Umschlagklappen, ISBN 978-84-933108-2-0

Ist im Sommer 2007 erschienen, seit April 2013 mit neuem Buchumschlag: